Das Wissen der Gestaltung – Die Gestaltung des Wissens

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Das Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design, Bernd Kniess und Dominique Peck, erarbeitet in Kooperation mit einem_r Mediengestalter_in und einem Design Studio das E-Learning Arrangement Das Wissen der Gestaltung – Die Gestaltung des Wissens für die Hamburg Open Online University. Das Projekt Das Wissen der Gestaltung - Die Gestaltung des Wissens legt den Rahmen einer Aufarbeitung dessen aus, worum es im Zentrum der Praxis raumwissenschaftlicher Disziplinen geht: das Problem der Darstellung. Das Projekt versucht daraufhin a) eine Epistemologie der Gestaltung und deren Darstellung zu entwerfen, b) die Dynamik der Gestaltung und deren Darstellung als epistemologische Formen im Werden zu problematisieren und c) diese beiden Aspekte des Problems an einer Fallstudie gestaltender und entwurfsbezogener Vorgehensweisen und den daraus abzuleitenden Anforderungen einer forschenden Didaktik zu verknüpfen.

Das erste Thema ist Das Urbane als Form, Ebene und Mediation. Das Urbane wird nach Henri Lefebvre als Zwischenstufe zwischen allgemeiner sozialer Ordnung und dem Alltagsleben, den täglichen Abläufen gelebter Erfahrung begrifflich bestimmt. Das Urbane ist, heute mehr denn je, besonders schwer zu greifen, da Zentralität und Differenz – die Grundprinzipien der Stadt – im Prozess der neokapitalistischen Urbanisierung „implodiert“ sind – die Urbanisierung also paradoxerweise enträumlichend wirkt (vgl. Kipfer, Saberi, Wieditz 2012, 169f, 174). Dieser in der Stadtforschung viel zitierte aber im Urban Design häufig liegen gelassene Aspekt des Urbanen als Form, Ebene und Mediation verweist unter der Perspektive der (De-)Kolonialisierung in Wissens- und Stadtproduktion auf hidden geographies. Anooradha Iyer Siddiqi (2017) hat uns darauf hingewiesen, dass archivarische Verfahrensweisen der Wissensproduktion nicht nur universelle Formen von Autorität praktisch zu untergraben wissen, sondern spezifische Modi der Wissensproduktion verorten bzw. situieren. Es wird also darum gehen anhand von Multimediaprojekten die dort empirische Daten zu produzieren, wo wir sie aktuell nur vermuten können und Schlüsse über deren epistemologischen Charakter im Gestaltungsprozess von Urban Design Projekten zu ziehen.
Die Frage der Repräsentation ist eine entscheidende, wenn es darum geht, Wissen über Gestaltungsprozesse zu erlangen und zu vermitteln. Gestaltung wird hier verstanden als koproduktiver Prozess: unterschiedliche Akteure sind daran beteiligt, Raum, resp. Stadt hervorzubringen. Einerseits entstehen bei der Gestaltung Repräsentationen andererseits ist die Gestaltung des Raums selbst Gegenstand der Darstellung. Erst aus der Zusammenführung unterschiedlicher disziplinärer Wissensbestände und Vorgehensweisen entsteht ein Wissen über das Entstehungs- und Wirkungsgefüge von Gestaltung, das beiden Ebenen der Repräsentation Rechnung trägt. Die Ergebnisse einer solchen Gestaltungsforschung eröffnen neue Möglichkeiten der Gestaltung in inter- und transdisziplinären Projekten.
Neben interdisziplinären Ansätzen zur Lösung komplexer Fragestellungen wird die Verknüpfung von Forschung und Gestaltung und deren gegenseitige Ergänzung in einem wissenschaftlichen Prozess als zielführend erachtet. Das Vorgehen, die Dynamik der Gestaltung als epistemologische Formen im Werden und ihrer Darstellungspraktiken zu problematisieren, basiert auf dem gemeinsamen Reflektieren und Gestalten und befördert das wissenschaftliche Denken und Arbeiten in Gestaltungsprozessen. Die eingesetzten und eigens erarbeiteten Lernmaterialien entstammen dem wissenschaftlichen und künstlerischen Kontext des Urban Design und seiner forschenden Didaktik wie sie, gleichsam als Ergebnis von individuellen oder gemeinsamen Lernprozessen, in einem Fallbeispiel zusammengeführt werden sollen.
Das Projekt adressiert nicht nur die Studierende der gestaltungsorientierten Studienprogramme, vielmehr richtet sich das Lernangebot auch an die eher wissenschaftlich forschenden oder planenden Disziplinen mit dem Ziel, deren Spektrum des Methodenwissens zu erweitern um damit neue Wege der Wissensproduktion in Forschung und Gestaltung zu ermöglichen und diese adäquat zu vermitteln. Dies ist insbesondere in den Feldern der mit Stadtforschung und -produktion befassten Disziplinen Voraussetzung, sich zukünftig den wachsenden Herausforderungen in der Bearbeitung zivilgesellschaftlich relevanter Fragestellungen widmen zu können.


Texte (vorläufig)
Creagh, Robyn, und Sarah McGann, Hrsg. 2019. Visual Spatial Enquiry. Diagrams and Metaphors for Architects and Spatial Thinkers. Abingdon, Oxon; New York: Routledge.
Deleuze, Gilles. 2014. „Filme“. In Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Crenshaw, Kimberle. 2019. On Intersectionality: Essential Writings. NEW PR.
Dell, Christopher. 2016. Epistemologie der Stadt: Improvisatorische Praxis und gestalterische Diagrammatik im urbanen Kontext. 1. Aufl. Bielefeld: transcript.
Fischer-Lichte, Erika. 2004. Ästhetik des Performativen. Originalausgabe. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Franck, Georg. 2005a. „Die ontologische Differenz“. In Mentaler Kapitalismus, 241–260. München: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG.
Gerlich, Wolfgang, und Emanuela Semlitsch. 2014. „Playfully creating public spaces of opportunity“. In Public Space and Relational Perspectives, herausgegeben von Sabine Knierbein und Chiara Tornaghi, 104–119. New York, N.Y: Routledge.
Haraway, Donna. 1988. „Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective“. Feminist Studies 14 (3): 575–599.
Hillier, Jean. 2013. „Towards a Deleuzean-inspired methodology for social innovation research and practice“. In The International Handbook on Social Innovation. Collective Action, Social Learning and Transdisciplinary Research, herausgegeben von Frank Moulaert, Diana MacCullam, Abid Mehmood, und Abdelillah Hamdouch, 169–179. Cheltenham: Edward Elgar Publishing Limited.
Krämer, Sybille. 2009. „Operative Bildlichkeit. Von der ‚Grammatologie‘ zu einer ‚Diagrammatologie‘? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen‘“. In Logik des BildlichenZur Kritik der ikonischen Vernunft, 1. Aufl. Bielefeld: transcript Verlag. doi:10.14361/9783839410516-003.
Kipfer, Stefan, Parastou Saberi, und Thorben Wieditz. 2012. „Henri Lefebvre“. In Handbuch Stadtsoziologie, herausgegeben von Frank Eckardt, 167–183. Wiesbaden: Springer VS.
Latour, Bruno. 1990. „Visualisation and Cognition: Drawing Things Together“. In Representation in Scientific Practice, herausgegeben von Michael Lynch und Steve Woolgar. Cambridge, Mass, USA: MIT Press.
Latour, Bruno. 2002. Iconoclash. Gibt es eine Welt jenseits des Bilderkrieges? Merve 245. Berlin: Merve.
May, John. 2018. „Everything is already an image“. Log 40: 9–26.
Shaw, Kate. 2015. „The intelligent woman’s guide to the urban question“. City 19 (6): 781–800. doi:10.1080/13604813.2015.1090182.
Siddiqi, Anooradha Iyer. 2017. Crafting the archive: Minnette De Silva, Architecture, and History. The Journal of Architecture 22, Nr. 8 (17. November): 1299–1336. doi:10.1080/13602365.2017.1376341,.
Thrift, Nigel. 2007. Non-Representational Theory: Space, Politics, Affect. Abingdon, Oxon; New York: Routledge.

Images

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Information

Das Seminar wird im Sommersemester 2020 angeboten.

Contributors

M.Sc. Dominique Peck

,

Academic Staff, Ph.D. Candidate

Marko Mijatovic

,

Videographer