Zwischenstand. Begegnung mit Paradoxien in Nai Hien Dong 2013

Master Theses

Ausgangsmotiv für meine Arbeit war die Verwunderung über mein unvollständiges Verständnis vom vietnamesischen Planungssystem, trotz meines halbjährigen Praktikum bei einem Stadtentwicklungsprojekt bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Als Hauptursache ließ sich dabei der handlungsorientierte Arbeitsansatz der GIZ feststellen, bei dem das Generieren und Vermitteln von Wissen über Planung und Stadtentwicklung nicht im Mittelpunkt stehen. Darauf stellte sich mir die Frage, welche Möglichkeiten die Kombination von wissensbasiertem Ansatz und Entwicklungszusammenarbeit bieten könnte. Im Rahmen der Thesis wurde von mir ein erster Kombinationsansatz aufgezeigt.

Nai Hien Dong ist einer der ältesten Stadtteile Da Nangs, in dem erst im letzten Jahrzehnt ein enormer Wandel stattgefunden hat. Durch seine besondere geographische Lage auf einer Landzunge war das Gebiet der schon zuvor dynamischen Entwicklung der Stadt lange entzogen. Bis zur Jahrtausendwende blieb der Stadtteil eine organisch gewachsene Siedlung, die sich, im Kontrast zum Stadtkern von Da Nang, nur langsam entwickelte. Basierend auf einer politischen Entscheidung wurde das Gebiet Ende der 1990er Jahre jedoch einer grundlegenden Erneuerung unterzogen.

Trotz der immensen Größe des Projektes, das auf einer Fläche von 420 ha bzw. ca. 4km2 die Umsiedlung von 14 500 Personen umfasste, ist es in der Stadt sowohl unter den Stadtbewohnern als auch bei den Planern wenig oder nur bruchstückhaft bekannt. Bezeichnend für die Entwicklung Nai Hien Dongs sind die besonders starken Veränderungsprozesse mit einer kompletten Neustrukturierung des Gebietes einschließlich Umsiedlungen und dem Bau von Sozialwohnungen.

Die Untersuchung des Transformationsprozesses von Nai Hien Dong zeigt, dass die örtlichen Prozesse gegenwärtig durch die formelle Planung der städtischen Verwaltung bestimmt werden. Die stadtpolitische Vision einer Modernisierung der Stadt und die aus ökonomischen Hintergründen veranlasste Formalisierung durch die städtische Regierung hatten eine besondere physisch-bauliche und eigentumsrechtliche Neustrukturierung des Stadtteils zur Folge. Die Umstrukturierung erfolgte in einer stufenweisen Planung, die sich im Prozess aufgrund von nationalen Vorgaben wie z.B. Gesetzesänderungen und von äußeren Einflüssen wie der Finanzkrise sowie von den Praktiken der Bewohner und des illegalen Squattings fortwährend anpassen musste. Deutlich wurde, dass die Planung gegenwärtig stark durch ökonomische Interessen geprägt ist. Sie richtet sich darauf aus, Flächen für die Vergabe von Landnutzungsrechten zu generieren und daraus Kapital zu schlagen.

Wesentliches Erkenntnis der Analyse war zudem, dass sich der Stadtteil, trotz seiner markanten augenscheinlichen Veränderungen, mit der physischen Formalisierung des Gebietes fortwährend in einem Anpassungs-, Aushandlungs- und Veränderungsprozess zwischen Formalität und Informalität befunden hat. Die heutige Situation im Stadtteil zeigt somit einen Zwischenstand.

Besonderes Potenzial zeigte die Anwendung der Untersuchungsmethode der Paradoxie auf, deren Ansatz ursprünglich aus der Philosophie kommt und für diese Arbeit auf die Planung und Forschung angewendet wurde. Die Auseinandersetzung und die Erklärung von scheinbaren Widersprüchen erfordert eine Analyse, die unterschiedliche Perspektiven involviert. Durch das Fragen nach Aspekten, die verwundern, ergibt sich die Möglichkeit, die eigene Fremdheitsrolle, in der sich jeder Planer und Forscher befindet, bewusstzumachen. Mit Hilfe der Paradoxien kann, bevor es zu einer Bewertung oder Planung kommt, zunächst eine fragende Position eingenommen werden. Sie bilden somit eine Art Zwischenraum. Denn durch die Methode können die Gefahr der normativen Vorbelastung umgangen und gleichzeitig lokale Ressourcen sowie systemische Grenzen aufgezeigt werden. Die erfolgreiche Anwendung zeigt, dass die Anwendung in der Planungspraxis und der Stadtforschung eine neue Möglichkeit eröffnen könnte.

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