Darstellung und Relationalität

Research

Darstellung und Relationalität. Eine Analyse der Neuerungen zeitgenössischer Visualisierungsstrategien in Architektur und Städtebau unter besonderer Berücksichtigung der Arbeiten von Rem Koolhaas, Atelier Bow Wow und Lacaton & Vassal, Druot und Putin


Mit dem, was sich in den Raumwissenschaften als Rede vom spatial turn durchgesetzt hat, ist angezeigt, dass urbaner Raum nicht gegeben, nichts Naturalisierbares ist, sondern – um mit Henri Lefebvre zu sprechen – gesellschaftlich produziert wird. Im Zuge dessen verändert sich auch die Weise des Vorstellens von Stadt: Letztere wird nicht mehr als Behälter vorgestellt, sondern geht in das Prinzip des Städtischen über. Das Städtische emergiert als eine relationale Anordnung aus material-sozialen Konstellationen, Konfigurationen und Versammlungen, die im Prozess der Emergenz ein beständiges Redesign erfahren. Das aber rückt eine spezifische Form der Organisation von Raum in den Vordergrund, nämlich die performativ sich ereignende. Ohne Zweifel kündigt sich ferner mit der Rede von und dem Rekurrieren auf Performanz an, dass hier eine Handlungsweise thematisiert ist, die herkömmliche Lesarten von Produktion infrage stellt: Handlung erweist sich nicht nur von Unbestimmtheit durchsetzt, sie zehrt auch von jener.
Auf diese zunächst theoretische Entwicklung einer Sichtweise auf Stadt reagieren Architektur und Städtebau. Sie tun dies besonders in einer ihrer Kerndomänen, nämlich beim Herstellen von Darstellungen. Insofern führt die Argumentationskette einen Schritt weiter zum zentralen Gedanken, dass urbane Prozesse auf neue Weise sichtbar zu machen sind. Dies gilt, während die Sichtbarmachung urbaner Phänomene als Prozesse insbesondere auf den Einbezug der Zeitlichkeit und der Handlungsdimension angewiesen ist. Währendem lässt sich in der Darstellungspraxis eine Tendenz zur Hybridisierung beobachten, die den gewöhnlich unterstellten Abbildcharakter architektonischer oder städtebaulicher Repräsentation unterläuft. Innerhalb dessen verringert sich die formale und erhöht sich die strukturelle Bezugnahme der Darstellung auf ihre Referenten. Diese Bezugnahme wird vor allem durch die Erhöhung der Relationalität innerhalb des Darstellungsraums ermöglicht. Man denke an die diagrammatischen Darstellungen des Ruhrgebiets durch Rem Koolhaas, die Studie Made in Tokyo von Atelier Bow-Wow oder Stadtkartierungen von Lacaton & Vassall, Druot und Hutin. An all diesen Darstellungen lässt sich ablesen, dass Funktion, Form und Struktur des Darstellens von Stadt zumindest problematisch geworden ist. Die Darstellungen enthalten Hinweise auf eine Repräsentationsform von Stadt, die auf stark nichtrepräsentationale Anteile rekurriert und somit gewissermaßen eine Subjektivierung des Kartierens vorantreibt. In derlei Subjektivierung ist ein Paradox eingelassen: Sicherlich kommen dabei Elemente tradierter Repräsentationen zur Verwendung, diese werden aber, unter verstärktem Einbezug von und Spiel mit subjektiven Anteilen, verzerrt repräsentiert, neu zusammengesetzt usw. – in der Hoffnung, aus der Öffnung der Darstellungsweise könne, ohne diese vorzugeben, eine andere Idee von Stadt erwachsen.
Während die neuen Darstellungen entstehen, fehlt eine kritische Analyse eben jener. Vor diesem Hintergrund soll das Forschungsprojekt die grundlegenden konzeptionellen Veränderungen untersuchen, die zu dem Wandel der Darstellung führen und geführt haben. Gefragt wird, welche Merkmale charakterisieren die neuen Darstellungsformen, in welchem Verhältnis stehen sie zu einem neuen Verständnis von Stadt, welche Wirkmacht entfalten sie im Hinblick auf aktuelle Diskurse zur Stadt? Von Interesse ist hier einerseits das Was und das Wie der Erweiterung der Darstellungsmedien in Architektur und Städtebau. Darüber hinaus rückt der reziproke Bezug zwischen Darstellungsmedien und ihrem Gegenstand Stadt ins Zentrum der Auseinandersetzung. Darstellungen sind nicht nur Träger von Objektivität über sondern konstruieren auch das Verständnis von Stadt. Wie Wolfgang Lotz oder Monika Melters in architekturhistorischer Perspektive gezeigt haben, zeitigt der Wandel von Darstellungsformen Auswirkungen auf die Raumgestaltung jeweiliger Epochen. Robin Evans hat in seinen wegweisenden Texten – versammelt in dem Band „Translations from Drawing to Building and Other Essays“ – Wesentliches zum Verhältnis zwischen Repräsentation und Gebautem beigetragen. Demgegenüber hat Beatriz Colomina am Beispiel Le Corbusier und Adolf Loos die Medialität von Architektur in den Blick genommen. Colominas Untersuchung hebt indes weniger auf die Objekte der Architektur sondern vielmehr auf deren medialer Konstruktion ab. Ungeachtet genannter Beispiel ist eine erstaunliche Abwesenheit einer kritischen Forschung über aktuelle Darstellungsformen zu konstatieren. Man weiß zu wenig darüber, wie sich derlei Darstellungen materialisieren, wie sie hergestellt und konzeptionalisiert werden. Darüber hinaus fehlt ein kritischer Ansatz im Hinblick auf die Darstellungsformen in der Disziplin selbst.


Methodisches Vorgehen
Da sich die neuen Darstellungsweisen auf sehr komplexe Weise und unter hoch ausdifferenzierten Kontexten entwickeln und entwickelt haben, arbeitet das Forschungsvorhaben auf unterschiedlichen methodischen Ebenen. Es sieht einen Methodenmix aus handlungs- und diskursanalytischer Mediananalyse , Experten-Interviews, dichter Beschreibung und ideenhistorischer Einordnung vor.


Ausrichtung der Forschungsaktivitäten
Das Forschungsdesiderat entstammt meiner langjährigen Forschungsarbeit zum Thema Notation. In ihr entstanden unterschiedliche Publikationen wie „Improvisations on Urbanity“ (2009), „Stadt als offene Partitur“ (2016) und „Epistemologie der Stadt“ (2016). Diese Bücher leisten aus handlungs- und darstellungstheoretischer Perspektive bereits Vorarbeiten zum hier avisierten Forschungsvorhaben. Der Forschungsvorschlag ist eingebettet in die bereits bestehende thematische Ausrichtung der HCU als Universität der gebauten Umwelt und Metropolenentwicklung. Er sucht mit dem vorgeschlagenen thematischen Schwerpunkt das Profil der Universität in Bezug auf ihre Architektur- und Stadtforschungsaktivitäten weiter zu stärken. Der gewählte Schwerpunkt des Forschungsprogramms baut auf den vergangenen und gegenwärtigen Lehr- und Forschungsaktivitäten im Urban Design auf.

Images

http://ud.hcu-hamburg.de/projects/research/darstellung-und-relationalitaet-eine-analyse-der-neuerungen-zeitgenoessischer-visualisierungsstrategien-in-architektur-und-stdtebau-unter-besonderer-beruecksichtigung-der-arbeiten-von-rem-koolhaas-atelier-bow-wow-und-lacaton-vasall-druot-und-putin

Information

Literatur:
Colomina, Beatriz: Privacy and Publicity. New Haven – London 2008
Lefebvre, Henri: The Production of Space. Oxford 1991
Dell, Christopher: Das Urbane. Berlin 2014
Dell, Christopher: Die Epistemologie der Stadt. Bielefeld 2016
Dell, Christopher: Stadt als offene Partitur, Zürich 2016
Dell/ Matton: Improvisations on Urbanity. Rotterdam 2009
Döring/ Thielmann (Hrsg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld 2008
Dünne/ Günzel (Hrsg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main 2006
Evans, Robin: Translations from Drawing to Building and Other Essays. London 1997
Heinze, Thomas: Medienanalyse. Ansätze zur Kultur- und Gesellschaftskritik, Opladen 1990 Hepp, Andreas: Cultural Studies und Medienanalyse. Eine Einführung, Opladen 1999
Lefebvre, Henri: The Production of Space. Oxford 1991
Lotz, Wolfgang: „Das Raumbild der italienischen Renaissance.“ In: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz 7 (1956), S. 193-226
Melters, Monika: „Die Quadratur des Raumes.“ In: Melters/ Wagner (Hg.): Die Quadratur des Raumes. Berlin 2017, S. 13-24