Das hörbare Archiv

Ein offener Audio-Spaziergang rund um die Schule am Bullenhuser Damm

Erlebe Rothenburgsort mit den Ohren: Das hörbare Archiv lädt dich ein, die Gegend rund um die Schule am Bullenhuser Damm durch Stimmen, Geräusche und Geschichten zu entdecken. 12 Orte, 4 Perspektiven - ein offener Audio-Spaziergang durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Stadtteils im Wandel.

Was ist das hörbare Archiv?

Das hörbare Archiv ist eine Sammlung von Audio-Fragmenten, die sich mit der Schule am Bullenhuser Damm und ihrer Umgebung beschäftigen. Ausgangspunkt dieser Arbeit ist das Modellprojekt "Schule am Bullenhuser Damm" des Vereins Hallo e.V. , bei dem die ehemalige Schule in einen gemeinschaftlichen Raum umgestaltet werden soll. Als Gruppe von Urban Design Studierenden setzten wir uns intensiv mit dem Ort und dem Gebäude auseinander und entwickelten ein Projekt, das sich der urbanen Archivierung, den historischen Schichten sowie dem aktuellen Zustand des Gebäudes und seiner Umgebung widmet. Entstanden ist das hörbare Archiv: Eine Sammlung, die den Ort und seine Geschichte durch das Hören erfahrbar macht.

Ziel dieses Projekts war es, ein erweiterbares Archiv aufzubauen, in dem Ausschnitte und Fragmente eines Stadtraums im Wandel festgehalten werden. Diese Fragmente bestehen ausschließlich aus Audiomaterial. Dies ist ein Versuch, sich dem urbanen Raum über das Hören zu nähern. Zentral ist dabei die Frage, inwieweit urbane Räume ohne die Hilfe unserer anderen Sinne durch Sprache, Geräusche, Gespräche und Beschreibungen erlebt werden können. Wir laden herzlich ein zu lauschen - dem, was ist, dem, was war und dem, was sein könnte.

Der Ort: Rothenburgsort im Wandel

Wir befinden uns in Rothenburgsort, die Bille fließt an den Gebäuden vorbei, Gewerbe und Industrie prägen das Bild. Die Schule am Bullenhuser Damm, ein altes Backsteingebäude, zeugt von der vielschichtigen Geschichte dieses Ortes. Als Erinnerungs- und Gedenkort erzählt die Schule von 20 jüdischen Kindern und mindestens 28 Erwachsenen, die in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 hier im Keller von der SS brutal ermordet wurden. Eine Ausstellung macht diese Geschichte sichtbar. Die Gedenkstätte im Schulgebäude und der Rosengarten im hinteren Teil des Schulhofs erinnern nicht nur an die Ermordeten, sondern auch an den zivilgesellschaftlichen Kampf gegen das Vergessen.

Rothenburgsort war ein ehemaliges Arbeiterviertel, bis 1943 dicht besiedelt und lebendig. Als die Alliierten Hamburg 1943 bombardierten, zerstörte ein Feuersturm den Stadtteil fast vollständig. Danach siedelten sich Industrien an. Rothenburgsort wurde lange übersehen von der Hamburger Stadtplanung. Heute jedoch rückt das Quartier immer mehr in den Fokus: Die Stadt Hamburg und die Billebogen Entwicklungsgesellschaft planen aktuell, den Stadtteil zu revitalisieren und zu modernisieren. Dabei sollen auch Wasserzugänge erschlossen werden. In Zukunft sollen hier Mischnutzungen für Wohnen, Büro- und Gewerbeflächen sowie Grünraum entstehen – wir befinden uns also in einer Nachbarschaft, die vor großen Veränderungen steht.

Wie funktioniert das Archiv?

Das hörbare Archiv umfasst 12 verschiedene Orte, die wir durch vier verschiedene Perspektiven erfahrbar machen: Durch die Geschichte, die Zukunft und die aktuelle Situation im Raum - einerseits durch Beschreibungen von Wahrgenommenem, andererseits durch die reine Aufzeichnung von Geräuschen (sogenannte Soundscapes). Alle Audioaufnahmen haben wir auf der Plattform SoundCloud verfügbar gemacht (soundcloud.com/ud_hcu).

Eine faltbare Karte holt die digitale Sammlung ins Analoge und bildet das Gebiet um den Bullenhuser Damm ab. Diese Karte ist Momentaufnahme und Abbild der wachsenden Audio-Sammlung zugleich – sie dokumentiert Klänge und Beschreibungen aus einem Stadtteil im Wandel. Wir haben die Sammlung als offenen und nicht-linearen Audio-Spaziergang konzipiert. Sie lädt dazu ein, den urbanen Raum durch Zuhören zu erkunden und zu erleben. Anstatt nur zu schauen, leiten dich Stimmen, Umgebungsgeräusche, Gespräche und Beschreibungen, die die Orte zum Leben erwecken. Auf der Karte findest du markierte Orte rund um den Bullenhuser Damm. Jeder Punkt verknüpft sich mit Audioaufnahmen. Durch das Scannen der QR-Codes greifst du auf einzelne Tonaufnahmen für jeden Ort in Playlists auf SoundCloud zu. Jede Playlist enthält eine kurze Beschreibung des Ortes und seiner verschiedenen Ebenen. Nimm die Karte digital oder analog mit und erlebe die Gegend.

Wir möchten auch ermöglichen, dass Menschen unsere Sammlung zufällig entdecken, indem wir Hinweise im Raum verteilen. Wir haben gedruckte Aufkleber mit QR-Codes zu den Audio-Fragmenten hergestellt und an den jeweiligen Orten angebracht, sodass ein zufälliges Erleben direkt vor Ort möglich wird.

Entstehung des Archivs

Dieses Archiv entstand im Rahmen des Seminars Project Management in Urban Design 2025/26 – Archiving Urban Processes zum Modellprojekt „Schule am Bullenhuser Damm“ des Hallo e.V. Wir, eine Gruppe Studierender verschiedener Semester im Master Urban Design, verbrachten zwischen Oktober 2025 und Februar 2026 viel Zeit in dem Schulgebäude sowie in seiner unmittelbaren Umgebung.

Unsere Zusammenarbeit ist geprägt von einem interdisziplinären Studienkontext mit unterschiedlichen theoretischen, praktischen und akademischen Hintergründen. Dieses „Wir“ ist also keine homogene Gruppe. Wir bringen unterschiedliche disziplinäre Prägungen, Herkunftsorte, Sprachen, Geschlechter, kulturelle Identitäten und biografische Erfahrungen mit. Entsprechend verstehen wir uns nicht als eine einheitliche Stimme, sondern bringen verschiedene Perspektiven in dieses Projekt ein. Diese Vielfalt prägt sowohl die Entwicklung unseres Konzepts für den Audiowalk, als auch die Auswahl der Themen sowie deren Interpretation und Umsetzung.

Im hörbaren Archiv verarbeiteten wir unsere Auseinandersetzung mit der Geschichte, Gegenwart und Zukunft, der Bedeutung und den unmittelbar bevorstehenden Veränderungen dieses Ortes und machten sie für andere zugänglich. Die von uns gesammelten Ausschnitte richten sich an alle, die sich in Zukunft mit dem Ort beschäftigen oder ihn nutzen möchten, darunter kommende Studierendengruppen, Hallo e.V., eine interessierte Nachbarschaft, Gäste und andere Nutzende.

Die Sammlung ist kein fertiges Produkt, sie soll erweiterbar sein und zukünftige Fragmente des Ortes archivieren. Das studentische Projekt ist abgeschlossen, doch wir haben das Archiv an den Verein Hallo e.V. übergeben, damit es weitergeführt werden kann.

Wir danken dem Hallo e.V. für die Kooperation, die Möglichkeit, die Schule von innen zu sehen und unsere Seminartreffen direkt vor Ort abzuhalten. Wir danken Antonia Lembcke für die Betreuung des Seminars und Unterstützung bei der Erstellung des Archivs.

contributors

2025/2026

Current annual theme

Sensing Zones

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